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Verschimmelungsmanifest gegen
den Rationalismus in der Architektur ie
Malerei und die Skulptur sind jetzt frei, denn jedermann darf heute allerlei Gebilde
produzieren und nachher ausstellen. In der Architektur besteht jedoch diese
grundsätzliche Freiheit, die als Bedingung jeder Kunst anzusehen ist, noch immer nicht,
denn man muß ein Diplom haben, um bauen zu können. Warum?
Jeder soll bauen können, und solange diese Baufreiheit nicht existiert,
kann man die gegenwärtige, geplante Archtitektur überhaupt nicht zur Kunst rechnen. Was
realisiert ist, sind einzeln dastehende erbärmliche Kompromisse von Linealmenschen mit
schlechtem Gewissen!
Man sollte den Baugelüsten des einzelnen keine Hemmungen auferlegen!
Jeder soll bauen können und bauen müssen und so die wirkliche Verantwortung tragen für
die vier Wände, in denen er wohnt. Man muß das Risiko mit in Kauf nehmen, daß so ein
tolles Gebäude nachher zusammenfällt, und man darf sich vor Menschenopfern nicht
scheuen, die diese Bauweise erfordert, vielleicht erfordert. Es muß endlich aufhören,
daß Menschen ihr Quartier beziehen wie Hendeln und die Kaninchen ihren Stall.
Wenn so ein von den Bewohnern nach eigenen Baugelüsten selbstgebautes
tolles Gebilde zusammenfällt, so kracht es ja meist ohnehin vorher, sodaß man flüchten
kann. Der Mieter wird jedoch von da an kritischer und schöpferischer den Gehäusen
gegenüberstehen, die er bewohnt, und er wird mit eigenen Händen die Wände und Pfeiler
verdicken, falls sie ihm zu zerbrechlich scheinen.
Die materielle Unbewohnbarkeit der Elendsviertel ist der moralischen
Unbewohnbarkeit der funktionellen, nützlichen Architektur vorzuziehen. In den sogenannten
Elendsvierteln kann nur der Körper des Menschen zugrunde gehen, doch in der angeblich
für den Menschen geplanten Architektur geht seine Seele zugrunde. Daher ist das Prinzip
der Elendsviertel, das heißt der wild wuchernden Architektur, zu verbessern und als
Ausgangsbasis zu nehmen und nicht die funktionelle Architektur.
Die funktionelle Architektur hat sich als Irrweg erwiesen, genauso wie
die Malerei mit dem Lineal. Wir nähern uns mit Riesenschritten der unpraktischen, der
unnutzbaren und schließlich der unbewohnbaren Architektur.
Die große Wende, für die Malerei der absolute tachistische
Automatismus, ist für die Architektur die absolute Unbewohnbarkeit, die uns noch
bevorsteht, da die Architektur um dreißig Jahre nachhinkt.
So wie wir heute schon, nach Überschreitung des totalen tachistischen
Automatismus, die Wunder des Transautomatismus erleben, so werden wir erst nach
Überwindung der totalen Unbewohnbarkeit und der schöpferischen Verschimmelung das Wunder
einer neuen, wahren und freien Architektur erleben. Da wir jedoch die totale
Unbewohnbarkeit noch nicht hinter uns haben, da wir uns leider noch nicht im
Transautomatismus der Architektur befinden, müssen wir vorerst einmal die totale
Unbewohnbarkeit, die schöpferische Verschimmelung in der Architektur so rasch wie
möglich anstreben.
Ein Mann in einem Mietshaus muß die Möglichkeit haben, sich aus seinem
Fenster zu beugen und so weit seine Hände reichen das Mauerwerk
abzukratzen. Und es muß ihm gestattet sein, mit einem langen Pinsel so weit er
reichen kann alles rosa zu bemalen, so daß man von weitem, von der Straße, sehen
kann: Dort wohnt ein Mensch, der sich von seinen Nachbarn unterscheidet, dem zugewiesenen
Kleinvieh! Auch muß er die Mauern zersägen und allerlei Veränderungen vornehmen
können, auch wenn dadurch das architektonisch-harmonische Bild eines sogenannten
Meisterwerkes der Architektur gestört wird, und er muß sein Zimmer mit Schlamm oder
Plastilin anfüllen können.
Doch im Mietvertrag ist dies verboten!
Es ist an der Zeit, daß die Leute selbst dagegen revoltieren, daß man
sie in Schachtelkonstruktionen setzt, so wie die Hendeln und die Hasen in
Käfigkonstruktionen, die ihnen wesensfremd sind.
Eine Käfigkonstruktion oder Nützlichkeitskonstruktion ist ein
Gebäude, das allen drei Kategorien von Menschen wesensfremd bleibt, die damit zu tun
haben!
- Der Architekt hat keinerlei Beziehung zum Gebilde. Selbst wenn er das
größte Architekturgenie ist, so kann er doch nicht voraussehen, welcher Art der Mensch
ist, der darin wohnen wird. Das sogenannte menschliche Maß in der Architektur ist ein
verbrecherischer Betrug. Besonders dann, wenn dieses Maß als Mittelwert aus einem
Gallupsystem hervorgegangen ist.
- Der Maurer hat keinerlei Beziehung zum Gebilde. Wenn er beispielsweise
eine Mauer nur etwas anders, nach seinen persönlichen Auffassungen, falls er welche hat,
gestalten will, so verliert er seine Arbeit. Und außerdem ist es ihm ja ganz egal, da er
ja nicht in dem Gebilde wohnen wird.
- Der Bewohner hat keinerlei Beziehung zum Gebilde. Weil er es ja nicht
gebaut hat und er nur eingezogen ist. Seine menschlichen Notwendigkeiten, sein
menschlicher Raum ist sicherlich ein ganz anderer. Und dies bleibt aufrecht, selbst wenn
sich Architekt und Maurer bemühen, genau nach den Angaben des Bewohners und Bestellers zu
bauen.
Nur wenn Architekt, Maurer und Bewohner eine Einheit sind, das heißt
ein und dieselbe Person, kann man von Architektur sprechen. Alles andere ist keine
Architektur, sondern eine verbrecherische gestaltgewordene Tat.
Architektur Maurer Bewohner sind eine Dreieinigkeit genau
wie Gottvater Sohn Heiliger Geist. Man beachte die Ähnlichkeit, quasi die
Identität der Dreieinigkeiten. Geht die Einheit Architekt Maurer Bewohner
verloren, so gibt es keine Architektur, so wie die jetzt fabrizierten Gebilde nicht als
Architektur anzusehen sind. Der Mensch muß seine kritisch-schöpferische Funktion wieder
einnehmen, die er verloren hat und ohne die er aufhört, als Mensch zu existieren!
Verbrecherisch ist auch die Benützung des Lineals in der Architektur,
das, wie leicht zu beweisen ist, als Instrument des Zerfalls der architektonischen
Dreieinigkeit anzusehen ist.
Schon das Bei-sich-tragen einer geraden Linie müßte, zumindest
moralisch, verboten werden.
Das Lineal ist das Symbol des neuen Analphabetismus. Das Lineal ist das
Symptom der neuen Krankheit des Zerfalls.
Wir leben in einem Chaos der geraden Linien, in einem Dschungel der
geraden Linien. Wer dies nicht glaubt, der gebe sich einmal die Mühe und zähle die
geraden Linien, die ihn umgeben, und er wird begreifen; denn er wird niemals zu einem Ende
gelangen.
Auf einer Rasierklinge habe ich 546 gerade Linien gezählt. Durch die
lineare und imaginäre Verbindung zu einer zweiten Rasierklinge derselben Produktion, die
sicher haargenau so aussieht, ergeben sich 1090 gerade Linien, und wenn man die Verpackung
dazuzählt, an die 3000 gerade Linien derselben Rasierklinge.
Vor nicht allzulanger Zeit war der Besitz der geraden Linie ein Privileg
der Könige, der Begüterten und der Gescheiten. Heute besitzt jeder Depp Millionen von
geraden Linien in der Hosentasche.
Dieser Urwald der geraden Linien, der uns immer mehr wie Gefangene in
einem Gefängnis umstrickt, muß gerodet werden.
Der Mensch hat bisher immer noch die Dschungel gerodet, in denen er sich
befand, und sich befreit. Allerdings muß er sich erst dessen bewußt werden, daß er sich
in einem Dschungel befindet, denn dieser Dschungel hat sich schleicherisch gebildet, ohne
daß die Bevölkerung davon etwas weiß. Und diesmal ist es ein Dschungel der geraden
Linien.
Jede moderne Architektur, bei der das Lineal oder der Zirkel auch nur
eine Sekunde lang und wenn auch nur in Gedanken eine Rolle gespielt hat, ist
zu verwerfen. Gar nicht zu reden von der Entwurfs-, Reißbrett- und Modellarbeit, die
nicht nur krankhaft steril, sondern widersinnig geworden ist. Die gerade Linie ist gottlos
und unmoralisch. Die gerade Linie ist keine schöpferische, sondern eine reproduktive
Linie. In ihr wohnt weniger Gott und menschlicher Geist als vielmehr die
bequemheitslüsterne, gehirnlose Massenameise.
Die Gebilde der geraden Linie, auch wenn sie sich noch so krümmen,
biegen, überhängen und sogar durchlöchern, sind somit hinfällig. Das ist alles
Anschlußpanik, ist die Angst der konstruktiven Architekten, nur ja rechtzeitig
umzuwechseln.
Wenn sich an einer Rasierklinge der Rost festsetzt, wenn eine Wand zu
schimmeln beginnt, wenn in einer Zimmerdecke das Moos wächst und die geometrischen Winkel
abrundet, so soll man sich doch freuen, daß mit den Mikroben und Schwämmen das Leben in
das Haus einzieht und wir so mehr bewußt als jemals zuvor Zeugen von architektonischen
Veränderungen werden, von denen wir viel zu lernen haben.
Die verantwortungslose Zerstörungswut der konstruktiven funktionellen
Architekten ist bekannt. Sie wollten die schönen Häuser mit Stuckfassaden der neunziger
Jahre und des Jugendstils einfach abreißen und ihre leeren Gebilde hinpflanzen. Ich weise
auf Le Corbusier, der Paris dem Erdboden gleichmachen wollte, um geradlinige
Monsterkonstruktionen hinzusetzen. Um Gerechtigkeit zu üben, müßte man jetzt die
Gebilde von Mies van der Rohe, Neutra, Bauhaus, Gropius, Johnson, Le Corbusier usw. auch
abreißen, da sie seit einer Generation veraltet und moralisch unerträglich geworden
sind.
Die Transautomatisten und alle, die sich jenseits der unbewohnbaren
Architektur befinden, verfahren jedoch humaner mit ihren Vorgängern. Sie wollen nicht
mehr zerstören.
Um die funktionelle Architektur vor dem moralischen Ruin zu retten, soll
man auf die sauberen Glaswände und Betonglätten ein Zersetzungsprodukt gießen, damit
sich dort der Schimmelpilz festsetzen kann.
Es ist an der Zeit, daß die Industrie ihre fundamentale Mission
erkennt, und die ist: schöpferische Verschimmelung betreiben!
Es ist jetzt Aufgabe der Industrie, bei ihren Spezialisten, Ingenieuren
und Doktoren ein moralisches Verantwortungsgefühl gegenüber der Verschimmelung
hervorzubringen. Dieses moralische Verantwortungsgefühl gegenüber der schöpferischen
Verschimmelung und der kritischen Verwitterung muß schon im Erziehungsgesetz verankert
sein.
Nur die Techniker und Wissenschaftler, die imstande sind, im Schimmel zu
leben und Schimmel schöpferisch zu erzeugen, werden die Herren von morgen sein.
Erst nach der schöpferischen Verschimmelung, von der wir viel zu lernen
haben, wird eine neue und wunderbare Architektur entstehen.
Zusatz 1959
Die heutige Architektur ist kriminell steril. Denn fatalerweise
hört jegliche Bautätigkeit in dem Augenblick auf, in dem Menschen "ihr Quartier
beziehen", wo doch normalerweise die Bautätigkeit nach Einzug des Menschen
überhaupt erst beginnen sollte. Wir werden so unerhörterweise durch Schanddiktate
unserer Menschlichkeit beraubt und auf verbrecherische Art gezwungen, nichts an der
Fassade, Anlage, an den Innenräumen weder in Farbe noch Struktur oder Mauerwerk zu
ändern oder hinzuzufügen. Selbst Eigentumswohnungen unterliegen der Zensur (siehe
Verordnungen der Baubehörde und Statuten des Mietvertrages). Das Charakteristische eines
Gefängnisses, Käfigs oder Stalles ist eben der a priori fertiggestellte Bau, der
endgültige Abbruch der Bautätigkeit vor Einzug des Tieres oder des Gefangenen in für
ihn wesensfremde Gebilde, verbunden mit dem kategorischen Zwang für den Insassen, an
"seinem" aufoktroyierten Gehäuse nichts zu ändern.
Denn die wahrhafte Architektur entsteht durch normale Bautätigkeit, und
diese normale Bautätigkeit ist das organische Wachstum einer Hülle um eine Gruppe von
Menschen. Dieses Bauwachstum verhält sich genauso wie das Wachstum des Kindes und des
Menschen. Der absolute Schlußstrich unter die Bautätigkeit eines Gebildes ist nur bei
Monumenten und unbewohnbaren Architekturen bedingt tragbar.
Falls das Gebilde jedoch dazu bestimmt ist, Menschen in seinem Inneren
zu beherbergen, so ist der absolute Abbruch der Bautätigkeit vor Einzug des Menschen als
widernatürliche Sterilisierung des Wachstums und somit als kriminelles Vergehen zu
betrachten und zu ahnden.
Der Architekt, wie wir ihn heute kennen, hat nur das Recht, unbewohnbare
Architekturen zu bauen, falls er überhaupt dazu fähig ist. Bewohnbare Architekturen zu
bauen, unterliegt nicht seiner Kompetenz, und dies muß ihm entschieden verwehrt werden,
wie man auch notorische Giftmischer und Massenausrotter nicht frei hantieren läßt.
Denn die jetzt vielgepriesene architektonische Vorplanung von
Wohnstätten ist nichts anderes als gelenkter Massenmord durch vorsätzliche
Sterilisierung. Es genügt ein Gang durch eine europäische Stadt, besonders aber durch
ein neuerbautes Stadtviertel, um diese erschütternde Anklage für jedermann
beweiskräftig zu machen.
Nur eine Idee von beispielgebenden gesunden Architekturen der Jetztzeit,
und diese Liste ist leider beschämend klein:
Die Gebäude von Gaudí in Barcelona.
Gewisse Gebilde des Jugendstils.
The Tower of Watts von Simon Rodia in einem Vorort von
Los Angeles.
Le Palais Du Facteur Cheval im Departement de la
Drôme, Frankreich.
Die Elendsviertel, die sogenannten
"Schandflecke" jeder Stadt (Slums, Taudis, Quartiere in Salubres).
Die Bauernhäuser und Häuser der Primitiven, falls
sie jetzt noch wie früher mit den Händen geformt werden.
Die Schrebergartenhäuser der Arbeiter.
Die Wandbearbeitungen in Klosetts.
Holländische Hausboote.
Bauten des Architekten Christian Hunziker, Genf, und
weniger anderer.
Zusatz 1964
Architekten dürfen nur die Funktion von technischen Beratern ausüben,
das heißt Fragen über Stabilität etc. beantworten; müssen jedenfalls aber dem Bewohner
beziehungsweise den Wünschen der Bewohner untergeordnet sein. Jeder Bewohner muß Zugang
zu seiner "Außenhaut" haben, das heißt, auch die zur Straße gekehrte Hülle
seiner Behausung gestalten dürfen.
Rede in der Abtei Seckau am 4. Juli 1958, Ergänzungen 1959 und 1964
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