
738 Detail of Grass for those who cry, 1974
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Es gibt keine Mißstände der
Natur.
Es gibt nur Mißstände des Menschen.
 enn der Mensch glaubt, die Natur korrigieren zu müssen, ist es jedesmal ein
nicht wiedergutzumachender Fehler. Es sollte nicht einer Gemeinde zur Ehre gereichen,
wieviel selbstgewachsene Natur sie zerstört, sondern es sollte vielmehr für eine
Gemeinde Ehrensache sein, soviel wie möglich von ihrer natürlichen Landschaft zu
schützen. Der Bach, der Fluß, der Sumpf, die Aulandschaft in ihrer gottgewollten
Beschaffenheit müssen uns heilig und unantastbar sein. Bachregulierungen bringen nur
Böses, was uns teuer zu stehen kommt: Absinken des Grundwassers, Absinken der Waldgrenze
um bis zu 100 Meter, Versteppung großer Gebiete, kein Regenerieren des Wassers, das zu
schnell abfließt. Die Aulandschaft kann ihre Schwammtätigkeit - Aufsaugen von zuviel
Wasser und langsames Abgeben bei Trockenheit wie eine gute Sparkasse in Notzeiten - nicht
mehr erfüllen.  Der regulierte Bach wird zum Abwasserkanal. Fischsterben und keine
Fische im Bach, weil sie nicht durch den regulierten Kanal können.  Hochwasser mit
verheerenden Folgen erst recht nach der Regulierung, weil zuviel Wasser zu schnell
abfließt, in großen Mengen zusammenkommt, ohne von der Erde und der Vegetation
aufgesaugt und abgefangen werden zu können. Nur ein hoch- und unregelmäßig fließender
Bach mit baumbestandenem Ufer kann reines Wasser erzeugen, den Wasserhaushalt regulieren
und den Fisch- und Tierbestand erhalten zum Nutzen des Menschen und seiner Landwirtschaft.
Jetzt, fast zu spät, erkennt man diese uralte Weisheit, sprengt einbetonierte, geradlinig
gemachte Fluß- und Bachläufe, um den vorherigen unregelmäßigen Zustand
wiederherzustellen. Welch Ironie! Warum also den Bach regulieren, wenn man ihn nachher
wieder entregulieren muß?
Hundertwasser, Mai 1990 |